Autismus aus medizinischer Sicht

Aus medizinischer Sicht wird Autismus den „tiefgreifenden Entwicklungsstörungen“ zugeordnet. Tiefgreifende Entwicklungsstörungen bestehen von Geburt an und sind nicht heilbar.

Bei tiefgreifenden Entwicklungsstörungen sind immer mehrere Entwicklungsbereiche betroffen, die sich von frühester Kindheit an wechselseitig beeinflussen und zu Verhaltensweisen führen, die von der Normalität abweichen.

Autistische Menschen unterscheiden sich von nicht autistischen Menschen besonders deutlich in allen sozialen Situationen. Da viele Situationen in unserer Gesellschaft auf sozialen Austauschprozessen basieren, haben Menschen mit Autismus in diesen Bereichen die meisten Schwierigkeiten. Deshalb wird Autismus häufig als soziale Beeinträchtigung bzw. Störung definiert.

Allen tiefgreifenden Entwicklungsstörungen und somit allen Erscheinungsformen des Autismus sind folgende Merkmale gemeinsam:

  • Besonderheiten im Verhalten, die mit Auffälligkeiten und/oder Problemen im sozialen Austausch mit Menschen und Eigenarten in der Sprache und Kommunikation, einschließlich Gestik und Mimik, verbunden sind.
  • Darüber hinaus entwickeln autistische Menschen oftmals sehr spezifische, ein oder nur wenige Gebiete betreffende Interessen.
  • Spezifisch für autistische Menschen sind eine geringe Spontanität und/oder Schwierigkeiten mit abrupten Veränderungen. Bei schweren Ausprägungsgraden sind sie in ihren Handlungen nicht oder kaum flexibel und beharren auf feststehende Rituale und Routinen.

Zur genauen Beschreibung spezifischer Ausprägungsformen des Autismus wird zwischen frühkindlichem Autismus, atypischem Autismus und Asperger-Syndrom unterschieden.

Neben den symptomatischen Kernbeeinträchtigungen ist der frühkindliche Autismus (ICD-10 F84.0) mehrheitlich mit einer Intelligenzminderung  (IQ > 70) verbunden. Er muss sich vor dem dritten Lebensjahr offenbaren.

Charakteristisch im Kleinkindalter sind eine ausbleibende Sprache und/oder eine verzögerte Sprachentwicklung der gesprochenen Sprache und des Sprachverständnisses. Häufig sind auch Echolalien, d. h. das zeitverzögerte Wiederholen gesprochener Wörter oder Sätze.

Der frühkindliche Autismus ist nicht immer mit einer geistigen Beeinträchtigung verbunden. In diesen Fällen spricht man von einem hochfunktionalen Autismus, einer Variante des frühkindlichen Autismus mit durchschnittlicher bis hoher Intelligenz, der aber mit Entwicklungsverzögerungen der Sprache und besonderen Fähigkeiten in einzelnen Gebieten verbunden ist.

Beim atypischen Autismus (ICD-10 F84.1) sind atypische Merkmale in den symptomatischen Kernbeeinträchtigungen nachweisbar. Atypische Merkmale können sein, dass sich die typischen Merkmale erst nach dem dritten Lebensjahr zeigen oder nicht alle Auffälligkeiten (z. B. Sprachentwicklung) in den Kernbeeinträchtigungen vorhanden sind.

Beim Asperger-Syndrom  (ICD-10 F84.5) sind ebenfalls typische Auffälligkeiten in den Kernsymptomen vorhanden. Abweichend vom frühkindlichen Autismus liegt keine Verzögerung der kognitiven und sprachlichen Entwicklung vor. Auffällig sind oftmals, sich sehr früh entwickelnde sprachliche Kompetenzen. Darüber hinaus zeigen sich gehäuft motorische Ungeschicklichkeiten.

Eine Abgrenzung der einzelnen Autismusformen ist oftmals sehr schwierig, da die Grenzen fließend sind. Deshalb gewinnt heute die Sichtweise eines Autismus-Spektrums, das von der schweren Ausprägung bis hin zu leichteren Formen reicht, wieder an Bedeutung.

Nähere Informationen zum Thema Autismus bieten die Seiten des Bundesverbandes Autismus Deutschland e.V.

Was medizinisch als Störung gilt, wird bei uns durch die WHO (Weltgesundheitsorganisation) definiert und ist in dem Handbuch der zurzeit noch gültigen zehnten Version der ICD-10 (Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme) beschrieben. Diese Definitionen sind aufgrund von Forschungsergebnissen und gesellschaftlichen Sichtweisen einem ständigen Wandel unterworfen.

Aktuell wird das Handbuch der WHO überarbeitet. Nach jetziger Erkenntnis werden in der elften Version der ICD die Untertypen des Autismus (frühkindlicher Autismus, atypischer Autismus, Asperger-Syndrom) nicht mehr als eigenständige Störungsbilder aufgelistet, sondern als Autismus-Spektrum-Störung mit zusätzlichen Aussagen zum Schweregrad beschrieben.